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Philipp Kohlschreiber im Interview: „Ich habe immer gesagt, HalleWestfalen hat mich auch damals, aus der Krise gezogen“

Philipp Kohlschreiber im Interview: „Ich habe immer gesagt, HalleWestfalen hat mich auch damals, aus der Krise gezogen“

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Runter von der roten Asche in Paris, rauf auf den grünen Rasen in HalleWestfalen. Bereits am Mittwoch ist der 29-jährige Philipp Kohlschreiber (ATP 19) direkt von der französischen Metropole aus in die beschauliche ostwestfälische Lindenstadt per PKW zu den am kommenden Wochenende beginnenden 21. GERRY WEBER OPEN angereist. Ein bestens gelaunter Philipp Kohlschreiber, der in Roland Garros sportlich durch einen starken Auftritt gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic im Achtelfinale zu überzeugen wusste, gab in HalleWestfalen am heutigen Donnerstag ein Pressegespräch.

Seit 2006 ist der Davis Cup-Spieler bei den GERRY WEBER OPEN dabei. Seine Bilanz, mit einem Turniersieg 2011 sowie der Endspielteilnahme 2008 und dem Erreichen des letztjährigen Halbfinals sowie im Jahre 2009, macht ihn zu einem der erfolgreichsten Deutschen bei diesem Turnier. Gleichwohl sieht er sich nicht als Favorit, will aber nach eigener Aussage noch am Finalwochenende dabei sein.

Sie sind mittlerweile zum achten Mal in HalleWestfalen am Start und spielen auch immer ausgesprochen erfolgreich dort. Wie geht es Ihnen nach dieser anstrengenden, aber erfolgreichen Woche in Paris?

Philipp Kohlschreiber: Ein Grand Slam-Turnier zerrt natürlich immer an den Kräften. Ich habe mir einen leichten Schnupfen eingefangen. Nach so einem Turnier fährt man ein wenig runter, da natürlich schon eine Enttäuschung da ist, was sicher auch normal ist. Nach meiner Verletzung beim Davis Cup habe ich eine sehr tolle Sandplatzsaison gespielt und bin auch mit Paris sehr zufrieden. Ich habe die Aufgaben, die ich hatte, sehr gut gelöst. Es ist zwar schade, dass ich verloren habe, aber ich habe mich gegen Novak Djokovic sehr gut gewehrt. Ich wäre lieber eine Runde später gegen ihn gekommen, Viertelfinale wäre natürlich ein Traum gewesen. Damit hätte ich auch mein erkorenes Ziel erreicht gehabt. Das waren meine zweitbesten French Open, daher bin ich im Großen und Ganzen recht zufrieden.

In den vergangenen Monaten haben Sie es geschafft, Ihre Leistungen auf ein konstantes Niveau zu heben, was sich auch in den Erfolgen in diesem Jahr, unter anderen mit der Finalteilnahme in Auckland wiederspiegelt. Gab es da einige Punkte, an denen Sie gezielt gearbeitet haben, um konstanter zu werden?

Philipp Kohlschreiber: Ich bin seit dem vergangenen Jahr sehr konstant geworden, da gab es sozusagen den Startschuss, um konstant gut zu spielen. Es ist schön, dass ich die gute Phase auf der Sandplatzsaison so lange ausdehnen konnte, dass ich mit viel Selbstvertrauen in die nächsten Wochen starten kann. Sicherlich hat sich die harte Arbeit mit meinem Team ausgezahlt, ich habe fleißig während meiner Verletzungsphase gearbeitet. Da war ich wirklich jeden Tag im Wasser und im Gym. Da habe ich viele Sachen machen können, die vielleicht auf der Strecke bleiben, wenn man viel Tennis spielt. Wenn man vier Wochen kaum laufen kann und auf Krücken geht, kann man seine Problemzonen, zum Beispiel die Schulter, ein bisschen stärken. Das hat sich fürs Sandplatztennis bezahlt gemacht, was ja schon sehr physisch ist.

Kann man auch sagen, dass Sie in Ihrer gesamten Arbeit in allen Punkten mittlerweile noch professioneller arbeiten?

Philipp Kohlschreiber: Man lernt ja über die ganze Zeit als Tennisprofi dazu. Da merkt man, welche Dinge einem guttun. Ich kann relativ gut den Schalter umlegen, von vorher locker bis hin zur Matchanspannung. Ich bin sehr konzentriert und habe auch die  <Big Points> gut gespielt. Die Aufgaben habe ich immer gut gelöst, ich habe wenig Matches gegen schlechter platzierte Spieler verloren. Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben.

Jetzt müssen Sie ebenfalls den Schalter umlegen und den Wechsel von Sand auf Rasen möglichst schnell vollziehen. Aber das dürfte Ihnen ja nicht allzu schwer fallen. 2008 standen Sie in HalleWestfalen im Finale, 2011 haben Sie sogar gewonnen?

Philipp Kohlschreiber: Ich habe immer gesagt, HalleWestfalen hat mich auch damals, wo ich einmal schlecht drauf war, aus der Krise gezogen. Ich habe hier immer gut gespielt. Das ist keine Garantie, dass es immer so weiter läuft. Ich fühle mich einfach extrem wohl, das Umfeld, die Plätze, das Stadion, die Unterstützung der Zuschauer, das alles zusammen macht den Reiz aus. Ich komme seit acht Jahren her und hoffe, dass ich noch einmal acht Jahre drauflegen kann. Es ist immer wieder schön, hier zu sein. Es sind so tolle Tennisspieler hier. Das ist eine tolle Herausforderung und eine Ehre gegen solche Kandidaten spielen. Man spielt in Deutschland, mit der Unterstützung der Zuschauer macht es natürlich extrem viel Spaß. Rasen bringt natürlich andere Facetten des Tennis hervor. Die Ballwechsel werden kürzer, man muss noch einmal einen Tick konzentrierter spielen, weil es noch weniger Chancen gibt. Der Aufschlag ist eine deutliche Waffe, auf Rasen muss man etwas gewiefter sein, auf Sand kann man auch durch gutes Defensivspiel und Kämpfen zum Erfolg kommen. Auf Rasen dagegen muss man aggressiv sein und die Punkte mehr fordern. Der Slice ist auch eine gute Waffe. Man kann sich nicht so gut bewegen, dadurch ist es schwieriger, den Gegner zu beschäftigen. Es gibt viele Punkte, die man jetzt beachten muss. Ich denke, dass ich im vergangenen Jahr eine tolle Rasensaison gespielt habe, angefangen in HalleWestfalen, dann auch in Wimbledon. Ich bin wirklich guter Dinge, mir macht es Spaß auf Rasen zu spielen. Ich habe hier schon öfters ganz gut gespielt. Es ist das Ziel, das gute Niveau weiterhin zu behalten.

Wie lange brauchen Sie, um sich von Sand auf Rasen umzustellen?

Philipp Kohlschreiber: Umso mehr Tage man hat, umso mehr kommen die Erinnerungen, wie man spielen muss. Das ist natürlich schon so, dass ich am ersten Tag schon ein gutes Ballgefühl habe. Aber diese Feinheiten, zum Beispiel beim Aufschlag, dass man mehr Slice einfließen lässt, brauchen schon drei bis vier paar Tage. Das Training muss man auch ein wenig umstellen, beim Laufen kann man sich nicht mehr so stark abdrücken, man muss feinfühliger laufen.

Ab 2015 wird die Rasensaison ja noch ein wenig länger, was halten Sie davon?

Philipp Kohlschreiber: Ich finde es interessant, dass sich Stuttgart jetzt auch für ein Rasenturnier ausgesprochen hat. Früher galten wir ja eher als Hartplatznation mit >Kiwi< (gemeint ist Nicolas Kiefer. Anm. Red.) und Tommy, die viel in den USA gespielt haben. Von daher ist es sehr positiv, es ist auch gut, dass eine längere Pause zwischen Paris und Wimbledon ist. Für uns deutsche Spieler ist natürlich toll, dass wir dann zwei Turniere haben, auf die wir uns freuen können. Und wir können uns natürlich auch besser auf Wimbledon vorbereiten.

Gehen Sie mit einer gewissen Erwartung in dieses Turnier?

Philipp Kohlschreiber: Von meinen Ergebnissen im vergangenen Jahr ausgehend sehe ich mich weit im Turnier, allerdings nicht unbedingt als Turnierfavorit. Ich habe hier toll gespielt und muss mich nicht verstecken, trotzdem sind mit Tommy Haas, Roger Federer und Rafael Nadal und viele andere, die man nicht unterschätzen darf, Spieler vor Ort, die hervorragendes Tennis spielen. Kompliment auch an den Veranstalter. Das zeigt den Stellenwert. Ich will das Draw abwarten, man weiß nie, wie es kommt. Es ist wichtig, dass man eine gute Auslosung hat und nicht gleich in einer der ersten Runde gegen einen der Topjungs kommt.

Im vergangenen Jahr haben Sie hier im Halbfinale gegen Tommy Haas verloren, aber sich dann in Wimbledon in Runde eins revanchiert. Derzeit ist Tommy in der Weltrangliste vor Ihnen notiert, stachelt Sie das ein wenig an?

Philipp Kohlschreiber: Der Tommy hat natürlich seit HalleWestfalen ein unglaubliches Jahr hingelegt. Das verdient Respekt und dazu muss man ihm gratulieren. Ich sehe es einfach als tollen Ansporn. Es ist vielleicht eine kleine Genugtuung für uns alle, dass das Herrentennis in Deutschland jetzt auch einmal ein bisschen Lob verdient hat. Für mich ist es nicht wichtig, die deutsche Nummer eins zu sein. Ich finde es toll, dass ich mich gut entwickle, dass ich ein besserer Spieler werde und gutes Tennis spiele. Wenn Tommy es derzeit besser macht, dann ist das so, aber ich versuche natürlich, den Abstand gering zu halten und ihn vielleicht auch einmal wieder zu überholen.

Tommy und Sie sind ja schon lange auf der Tour, braucht es inzwischen diese Reife, um dort erfolgreich zu spielen?

Philipp Kohlschreiber: Es ist, glaube ich, tatsächlich so, dass sich die Jugendlichen mittlerweile viel schwerer tun, in die Weltspitze zu stoßen, weil das gesamte Niveau sowie der physische Aspekt unglaublich hoch anzusiedeln sind. In den Top50 gibt es derzeit viel weniger Jugendliche als früher. Tennis ist eben auch ein Lernprozess. Auch Tommy merkt noch Sachen, wo er noch etwas rausholen kann. Solange man sich körperlich fit fühlt, ist es sicherlich möglich, im hohen Alter seine beste Leistung abzurufen.

Sie haben sich in Ihrem ersten Einzel im Davis Cup gegen Argentinien verletzt und konnten dies nicht mehr beenden. Wie war das für Sie?

Philipp Kohlschreiber: Das war sicher einer der härtesten Dinge im Tennis, die passieren können. Man spielt mehr als drei Stunden bei 35 Grad Hitze gegen das Publikum, man steht im fünften Satz vor einer Entscheidung und dann passiert so eine Verletzung. Das war für mich und für die ganze Mannschaft schlimm. Ich habe dann die ernüchternde Nachricht bekommen, dass es ein Muskelfaserriss ist und war dann nur noch auf Krücken unterwegs. Das war das erste Mal in meinem Leben. Das war extrem bitter. Der Flug nach Hause war dann auch noch eine ganz schöne Tortur mit den Krücken, auch mit den ganzen Kontrollen unterwegs. Das war schon alles in allem unglaublich hart.

Werden Sie trotzdem in der Relegation in Ulm/Neu-Ulm gegen Brasilien spielen?

Philipp Kohlschreiber: Natürlich. Ich habe es mit dem Teamchef auch schon besprochen, dass ich zur Verfügung stehe. Ich mache den Davis Cup jetzt nicht für die Verletzung verantwortlich. Ich spiele gerne für mein Land und denke, dass wir eine gute Aufgabe haben, daheim gegen Brasilien zu spielen. Wir gehen da als Favorit rein. Trotzdem brauchen wir natürlich die stärksten Spieler. Man darf so ein Team auch nicht unterschätzen.

Aber der Davis Cup ist natürlich noch eine zusätzliche Belastung?

Philipp Kohlschreiber: Sicher, aber es ist nun mal die Nationalmannschaft, da ist man doch ein gewisses Maß verpflichtet zu spielen. Ich verstehe auch andere Spieler, die sagen, dass es jetzt gerade einmal zu viel ist. Das kann ich nachvollziehen. Ich freue mich auch nicht über die extra Woche mit Best-of-Five-Matches, das ist schon hart. Aber ich fühle mich sehr gut und fit und will den Davis Cup in diesem Jahr nicht mit einer Verletzung beschließen, sondern lieber mit ein oder zwei Siegen.

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